POLITIK
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Droht das Ende der westlichen Ordnung?
Ohne die Führungsmacht USA droht Europa in die raue Realität eines anarchischen Systems zurückzufallen. Trumps Rückkehr macht deutlich: Die Nachkriegsordnung wankt – und Europa muss sich neu definieren.
Droht das Ende der westlichen Ordnung?
Droht das Ende der westlichen Ordnung? Foto: Anna Ross/dpa
vor 19 Stunden

Die Aussicht, dass Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden könnte, ließ vielerorts die Erwartung aufkommen, dass sich die bestehende – wenn auch noch fragile – unipolare Weltordnung grundlegend verändern würde. Von Europa über China bis hin nach Afrika und in den Nahen Osten rechnete man mit tektonischen Verschiebungen im internationalen System. Entscheidungsträger in zahlreichen Ländern begannen, sich so gut es ging auf die drohende Trump-Welle vorzubereiten und entsprechende Vorkehrungen zu treffen.

Trump, der die Erwartungen – in welcher Form auch immer – erfüllt hat, ging in allen außenpolitischen Fragen, an denen die USA beteiligt sind, mit seinen eigenen, oft unkonventionellen Methoden äußerst entschlossen vor. Er legte zentrale Konfliktfelder direkt auf den Tisch und ließ keinen Zweifel daran, dass er bereit ist, die politische, wirtschaftliche und militärische Macht der USA kompromisslos einzusetzen.

Besonders auffällig ist jedoch, mit welcher Härte und Aggressivität er gegenüber den traditionellen Verbündeten im westlichen Bündnis auftritt – und das weit über die bisherigen Erwartungen hinaus. Trump scheute sich nicht, Kanada offen als einen potenziellen Bundesstaat der USA zu bezeichnen oder gar Interesse an Grönland zu bekunden, das bekanntlich zu Dänemark gehört. Doch seine Ambitionen beschränkten sich nicht nur auf die westliche Hemisphäre – auch Europa geriet zunehmend ins Visier.

USA nimmt Europa ins Visier

Beginnend mit den provokativen Aussagen seines Vizepräsidenten J.D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz, gefolgt von der Marginalisierung Europas im Ukraine-Russland-Konflikt, über die Drohung, das sicherheitspolitische Schutzschild der USA über Europa – ein Erbe des Zweiten Weltkriegs – abzubauen, bis hin zur Einführung von Strafzöllen und der Beschuldigung, die EU sei im Grunde ein gegen die USA gerichtetes Projekt: All dies sorgte für große Bestürzung in den Hauptstädten Europas.

Trump hat sich somit in einem Ausmaß gegen Europa positioniert, das kaum jemand in diesem Maße für möglich gehalten hätte. In diesem Kontext stellt sich die zentrale Frage, ob die nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte westlich geprägte internationale Ordnung an ihr Ende gelangt.

Wer versucht, internationale Politik – also das Handeln zwischen Staaten – zu analysieren und zu verstehen, kommt unweigerlich nicht daran vorbei, sich entweder zustimmend oder kritisch mit der realistischen Perspektive auseinanderzusetzen. Es steht außer Frage, dass der Realismus zu den schlagkräftigsten Theorien gehört, wenn es darum geht, die internationale Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg zu erklären.

Nachdem die idealistische Perspektive, die weder die beiden Weltkriege verhindern noch ein dauerhaft friedliches System etablieren konnte, an Einfluss verlor, rückte der Realismus zunehmend in den Vordergrund. Einer der Hauptgründe für seinen Erfolg liegt zweifellos in seiner Fähigkeit, die Dynamiken internationaler Beziehungen in einer möglichst einfachen und klaren Sprache zu beschreiben.

Macht, Anarchie und das Streben nach Sicherheit: Die realistische Perspektive auf die internationale Ordnung

In den 1940er Jahren entwickelte Hans Morgenthau die Theorie des klassischen Realismus, die davon ausgeht, dass die menschliche Natur von Eigennutz und Machtstreben geprägt ist. Um zu überleben und ihre Interessen zu maximieren, sind Menschen auf Macht angewiesen – und Staaten verhalten sich, dieser Sichtweise zufolge, im Grunde genauso wie Individuen.

Die egoistische und konfliktreiche Natur des Menschen überträgt sich somit auf das Verhalten von Staaten. Deren oberstes Ziel ist es, das eigene Überleben zu sichern und nationale Interessen durchzusetzen. Moralische oder normative Überlegungen treten dabei in den Hintergrund. Da alle Staaten unter ähnlichen Voraussetzungen handeln und sich von denselben Motiven leiten lassen, führt diese Konstellation zwangsläufig zu Rivalität und Konflikten. Für Morgenthau ist das Interesse – verstanden im Sinne von Macht – kein Mittel, sondern der zentrale Maßstab politischen Handelns.

Mit den 1970er Jahren – vor allem durch Kenneth Waltz und sein Werk Theory of International Politics (1979) – gewinnt ein neuer Ansatz an Bedeutung: der sogenannte Neorealismus oder strukturelle Realismus. Im Gegensatz zum klassischen Realismus erklärt Waltz internationale Konflikte nicht mit der menschlichen Natur, sondern mit der Struktur des internationalen Systems. Dieses ist durch Anarchie geprägt – jedoch nicht im Sinne von Chaos, sondern durch das Fehlen einer übergeordneten Autorität, eines Weltstaates, der über allen Staaten steht.

In einem solchen System existiert keine Instanz, an die sich ein Staat im Falle eines Konflikts wenden könnte – keine Stelle, die Rechte durchsetzt oder Schutz vor Aggression bietet. Deshalb müssen Staaten im Rahmen der Selbsthilfe handeln: Sie können sich nur auf ihre eigenen Fähigkeiten und Ressourcen verlassen. Um ihr Überleben zu sichern, bleibt ihnen keine andere Wahl, als sich zu stärken und ihre Eigenständigkeit zu wahren. In dieser Denkweise ist Macht kein Selbstzweck, sondern ein notwendiges Mittel, um Sicherheit und Interessen in einem unsicheren System zu gewährleisten.

Ein Ordnungswandel im Westen: Europas Krise in der Ära Trump

Die von den Neorealisten hervorgehobene Anarchie des internationalen Systems – also das Fehlen einer übergeordneten Autorität oberhalb der Nationalstaaten – gilt als einer der zentralen strukturellen Faktoren für die Gestaltung der internationalen Beziehungen. Doch gerade aus westlicher Perspektive, insbesondere aus Sicht der europäischen Staaten, wurde diese strukturelle Lücke nach dem Zweiten Weltkrieg in gewisser Weise durch die materielle und politische Führungsrolle der Vereinigten Staaten kompensiert.

Die USA übernahmen in der westlichen Allianz eine Art quasi-souveräne Autoritätsfunktion: Sie schützten ihre Partner vor äußeren Bedrohungen – etwa durch die Sowjetunion und den Kommunismus – und spielten eine vermittelnde Rolle bei internen Konflikten innerhalb des Westens. Auf dieser Grundlage entstand ein internationales Ordnungssystem, das sich auf Institutionen wie die NATO und die Vereinten Nationen stützt und über 75 Jahre lang im Namen des Westens Stabilität und Sicherheit bot. Dieses System befindet sich nun in einer tiefen Krise.

Mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten haben die Vereinigten Staaten offen signalisiert, dass sie diese Führungsrolle nicht weiterführen wollen. Europa, das sich über Jahrzehnte an diese Ordnung gewöhnt, seine Politik darauf ausgerichtet und seine Strategien entsprechend angepasst hatte, sieht sich angesichts von Trumps systemerschütternden Aussagen und Maßnahmen mit einer existenziellen Krise konfrontiert.

In einer Welt, in der die USA keine ordnungspolitische Führungsmacht mehr sein wollen, wirken die europäischen Staaten – angesichts von Herausforderungen wie dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine – wie ein Fisch an Land: militärisch wie wirtschaftlich überfordert. Aus realistischer Perspektive steht Europa vor dem Übergang von einer relativ stabilen, US-geführten Anarchie zu einer Phase fundamentaler Unsicherheit, in der traditionelle Bündnisse wie die NATO und multilaterale Institutionen wie die UNO ihre Wirksamkeit verlieren könnten.

Ein neues Zeitalter könnte anbrechen – eines, das an die Zeit vor den Weltkriegen erinnert, in der das Recht des Stärkeren galt und Machtpolitik den Ton angab. Europa steht damit vor der Herausforderung, die gewohnte Nachkriegsordnung zu ersetzen und neue Sicherheitsarchitekturen zu entwerfen – diesmal ohne die Vereinigten Staaten im Zentrum. Auch wenn Europa diese Lücke kurzfristig kaum alleine füllen kann, wird eine strategische Zusammenarbeit mit anderen Staaten, wie beispielsweise Türkiye, entscheidend sein, um die gegenwärtige Krise zu bewältigen und sich an eine sich wandelnde Weltordnung anzupassen.

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