POLITIK
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Zehn Jahre später: Haben wir es wirklich geschafft?
Vor zehn Jahren stand Merkel mit „Wir schaffen das“ für Humanität. Doch Deutschland hat die Migrationsfrage nicht gelöst. Politiker nutzen Geflüchtete für Populismus, statt die eigentlichen Probleme anzupacken.
Zehn Jahre später: Haben wir es wirklich geschafft?
Photo: Christoph Soeder/dpa
vor 6 Stunden

Zehn Jahre sind vergangen, seit Angela Merkel den berühmten Satz prägte: „Wir schaffen das.“ Kaum eine andere Formulierung der Bundeskanzlerin hat sich so stark in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Damals, im Sommer 2015, befand sich Syrien in einem blutigen Bürgerkrieg, Millionen Menschen flohen aus ihrer Heimat, viele davon über das Mittelmeer. Europa erlebte einen Migrationsstrom, wie er in der jüngeren Geschichte kaum vorstellbar war.

Die Europäische Union zeigte sich dabei gespalten. Offiziell berief man sich auf gemeinsame Werte und Solidarität, doch in der Praxis schoben sich die Mitgliedstaaten gegenseitig die Verantwortung zu. Mehrere Länder verweigerten die Aufnahme von Geflüchteten oder ignorierten die beschlossenen Quoten gänzlich. Währenddessen starben im Mittelmeer Tag für Tag Hunderte Menschen. Laut Statista sind seit 2014 rund 32.421 Geflüchtete im Mittelmeer ertrunken. Im Jahr 2016 haben über 5.000 Menschen auf dem Seeweg nach Europa ihr Leben verloren. Das sind nur die dokumentierten Fälle – die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen.

In dieser Zeit öffnete Türkiye ihre Grenzen und nahm mehr als drei Millionen Geflüchtete auf. Millionen Menschen erhielten so die Möglichkeit, sich ein neues Leben aufzubauen. Europa hingegen zeigte in großen Teilen ein anderes Gesicht. Regierungen, die zunächst Aufnahmebereitschaft signalisierten, knickten unter dem Druck rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen ein. In vielen Staaten erstarkte die radikale Rechte und machte Migration zum zentralen politischen Kampfthema. Vor diesem Hintergrund entschied sich Merkel für einen anderen Weg und formulierte jenen Satz, der bis heute nachhallt: „Wir schaffen das.“

Merkel und die Würde des Menschen

Merkel setzte damals auf Humanität und Verantwortung. Am Ende des Jahres 2024 lebten in Deutschland rund 975.000 Menschen mit syrischer Staatsangehörigkeit. Elf Jahre zuvor waren es lediglich 60.000 gewesen. Die enorme Zunahme ist eine direkte Folge des syrischen Bürgerkriegs, der 2011 begann und mehr als ein Jahrzehnt andauerte.

Merkels Entscheidung rief scharfe Kritik hervor, insbesondere von der AfD, die das Thema Migration zu ihrem zentralen Mobilisierungsinstrument machte. 2013 noch bei 4,7 Prozent, sprang die Partei 2017 auf 12,6 Prozent und erreichte bei der Bundestagswahl 2025 schließlich 20,8 Prozent. Merkel selbst räumte ein, dass ihre Politik den Aufstieg der AfD mit begünstigte. Sie erklärte in einem Interview: „Natürlich hat die Entscheidung von mir Menschen dazu gebracht, sich der AfD anzuschließen. Und dadurch ist die AfD sicherlich auch stärker geworden.“

Doch für Merkel war das kein Grund, ihre Haltung zu ändern. Vielmehr betonte sie am Ende des Gesprächs mit Ingo Zamperoni: „Ich muss es menschenwürdig schaffen.“ Altkanzlerin Merkel zeigte sich erstaunt, dass ihr Satz „Wir schaffen das“ auch nach zehn Jahren noch Kritik hervorruft. In der ARD-Doku betonte sie, dass sie weiterhin dazu stehe, da für sie die Wahrung der Menschenwürde im Mittelpunkt stehe.

Damit machte Merkel deutlich, dass ihre Politik nicht aus kurzfristigen taktischen Erwägungen heraus entstand, sondern aus einem moralischen Imperativ. Ihr Handeln verschaffte Hunderttausenden Menschen die Chance auf ein neues Leben in Sicherheit. Viele von ihnen tragen heute aktiv zur deutschen Gesellschaft bei, ob in der Wirtschaft, in der Wissenschaft oder im sozialen Bereich.

Deutschlands ungelöste Migrationsfrage

Doch die zentrale Frage bleibt: Hat Deutschland die Herausforderung tatsächlich gemeistert? Die ehrliche Antwort lautet: nein. Merkel bewies in der akuten Phase des Syrienkriegs Führungsstärke und Menschlichkeit. Doch nach ihrem Rücktritt öffnete sich ein politisches Vakuum. Die Regierungen, die auf sie folgten, agierten unsicher, zerstritten und inkonsequent. Migration blieb ein permanenter Streitpunkt, an dem sich Koalitionen aufrieben und Populisten immer wieder neue Angriffsflächen fanden.

Während Merkels Politik vielen Menschen Schutz und Chancen brachte, versäumte die Bundesrepublik, langfristige Strukturen zu schaffen, die Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt sichern könnten. Stattdessen wurde Migration zum politischen Spielball genutzt, um Wahlkämpfe zu führen oder innenpolitische Schwächen zu kaschieren.

Heute zeigt sich das Dilemma besonders deutlich: Noch immer diskutiert man lieber über Geflüchtete, statt über dringend notwendige Reformen in Infrastruktur, Sicherheit, Digitalisierung oder die Konkurrenz mit China. Migration dient als Ersatzthema, das Emotionen schürt, aber keine Lösungen bietet.

Angela Merkel hat mit ihrem Satz „Wir schaffen das“ ein historisches Signal gesetzt. Sie verkörperte in einer Zeit der Krise Humanität und Mut. Hunderttausende Menschen verdanken ihr die Chance auf ein neues Leben. Doch zugleich hat Deutschland die Herausforderung nicht bewältigt. Die Integrationsfrage blieb unzureichend beantwortet, politische Instabilität und das Erstarken der AfD sind die Kehrseite dieser Entwicklung.

So bleibt nach zehn Jahren ein ambivalentes Bild: Merkel steht für Menschlichkeit, Würde und Verantwortung. Deutschland aber hat es nicht geschafft, aus dieser humanitären Geste eine dauerhafte politische Stärke zu entwickeln. Während Merkel positiv in Erinnerung bleiben wird, bleibt der Staat weiter auf der Suche nach einer klaren, zukunftsfähigen Migrationsstrategie.

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